Energie-Glossar · C
Contango und Backwardation
Contango liegt vor, wenn der Terminpreis für eine spätere Energielieferung über dem aktuellen Spotpreis liegt; bei Backwardation liegt er darunter. Die Kurvenform zeigt Einkäufern, ob der Markt kurzfristige Knappheit oder ausreichendes Angebot einpreist.
Contango vs. Backwardation
Contango
Backwardation
Die wichtigsten Informationen zu Contango und Backwardation
- Contango: Terminkurs liegt über dem Spotpreis – typisch bei ausreichendem Angebot und vollen Speichern
- Backwardation: Terminkurs liegt unter dem Spotpreis – typisch bei aktueller Knappheit oder hoher Nachfrage
- Termingeschäfte (Futures, Forwards) für Strom und Gas werden u. a. an der EEX gehandelt und mit dem Day-Ahead-Preis verglichen
- Die Kurvenform kann sich innerhalb weniger Wochen ändern, etwa durch Speicherfüllstände oder CO2-Preiserwartungen
- Für Unternehmen mit Tranchenbeschaffung beeinflusst die Struktur, ob ein früherer oder späterer Einkaufszeitpunkt sinnvoller ist
Was unterscheidet Contango von Backwardation am Energiemarkt?
Contango liegt vor, wenn der Preis für eine spätere Lieferung (Terminkontrakt) höher ist als der aktuelle Preis für sofortige Lieferung (Spotpreis). Backwardation ist der umgekehrte Fall: Der Terminpreis liegt unter dem Spotpreis. Beide Begriffe stammen ursprünglich aus dem Rohstoffhandel und werden am Strom- und Gasmarkt auf die Terminkurve angewendet, also auf die Reihe der an der Börse gehandelten Lieferzeiträume.
An der European Energy Exchange (EEX) werden Termingeschäfte für Strom und Gas – etwa Monats-, Quartals- oder Jahresprodukte – parallel zum kurzfristigen Day-Ahead- und Intraday-Markt gehandelt. Vergleicht man die Preise dieser Produkte mit dem aktuellen Spotpreis, ergibt sich die Kurvenform: eine steigende Kurve deutet auf Contango, eine fallende auf Backwardation hin. Für strukturierte Energieeinkäufer ist diese Kurve eine der wichtigsten Referenzgrößen bei der Entscheidung, wann welche Liefertranche eingekauft wird.
Wodurch entstehen Contango und Backwardation?
Die Kurvenform entsteht aus dem Zusammenspiel von aktuellem Angebot, erwarteter künftiger Versorgungslage und Lagerhaltungskosten. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind:
- Speicherfüllstände: Volle Gasspeicher drücken tendenziell den kurzfristigen Preis und begünstigen Contango, niedrige Füllstände vor dem Winter begünstigen Backwardation
- Saisonale Nachfrage: Erwartete Verbrauchsspitzen im Winter treiben Terminpreise für die betroffenen Monate nach oben
- Erzeugungserwartung: Prognostizierter Zubau von Wind- und Solarkapazität kann künftige Perioden preislich günstiger erscheinen lassen als die Gegenwart
- CO2-Preiserwartungen: Ein erwarteter Anstieg der Preise für Emissionsberechtigungen wirkt sich über die Erzeugungskosten fossiler Kraftwerke auf die gesamte Terminkurve aus
Weil sich diese Faktoren laufend verändern, ist die Kurvenform keine feste Eigenschaft eines Marktes, sondern eine Momentaufnahme, die sich innerhalb weniger Handelstage verschieben kann – etwa wenn sich Wetterprognosen oder geopolitische Risiken ändern.
Was bedeutet das für den Energieeinkauf von Unternehmen und Hausverwaltungen?
Für Unternehmen und Hausverwaltungen, die Energie in Tranchen beschaffen statt über einen einzelnen Festpreisvertrag, zeigt die Kurvenform an, ob ein früherer oder späterer Einkaufszeitpunkt günstiger erscheint. Bei ausgeprägtem Contango kann es sinnvoll sein, kurzfristigen Bedarf über den Spotmarkt zu decken und nur den Grundlastanteil langfristig einzudecken. Bei Backwardation kann umgekehrt ein frühzeitiger Einkauf der nahen Lieferperioden vorteilhaft sein, da diese teurer gehandelt werden als spätere Perioden.
Wichtig ist dabei: Die Kurvenform ist keine Prognose im engeren Sinn, sondern eine Bewertung der aktuellen Markterwartung. Wer strukturiert beschafft, sollte die Terminkurve deshalb fortlaufend beobachten, statt sich auf eine einmalige Einschätzung zu verlassen, und die Einkaufsentscheidung mit dem eigenen Verbrauchsprofil abgleichen.
Wie lässt sich die Terminkurve praktisch für die Beschaffungsplanung nutzen?
In der Praxis wird die Terminkurve meist nicht isoliert betrachtet, sondern zusammen mit dem eigenen Lastprofil und dem gewählten Beschaffungsmodell. Unternehmen mit tranchierter Beschaffung – bei der der Gesamtbedarf über mehrere Jahre in Teilmengen eingekauft wird, um Preisspitzen zu glätten – nutzen die Kurvenform als einen von mehreren Indikatoren, um einzelne Tranchen zeitlich zu staffeln. Ergänzend wird häufig auch die Volatilität der jeweiligen Lieferperiode berücksichtigt, da eine Periode mit hoher Preisschwankung ein anderes Risiko birgt als eine ruhige Periode mit ähnlicher Kurvenlage.
Für Hausverwaltungen, die selbst keinen direkten Marktzugang haben, ist die Kurvenform vor allem indirekt relevant: Sie erklärt, warum ein Energieversorger zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Festpreisangebot mit bestimmten Konditionen unterbreitet, und hilft bei der Einordnung, ob ein Angebot vor dem Hintergrund der aktuellen Marktlage plausibel erscheint.
Häufige Fragen zu Contango und Backwardation
Ist Contango gut oder schlecht für Energieeinkäufer?
Weder noch – Contango zeigt lediglich, dass künftige Lieferperioden teurer gehandelt werden als die Gegenwart. Ob das vorteilhaft ist, hängt vom individuellen Bedarfsprofil und Beschaffungszeitpunkt ab.
Gilt die Unterscheidung nur für Strom?
Nein, Contango und Backwardation lassen sich auf jeden Terminmarkt anwenden, an dem sowohl Kassa- als auch Terminpreise gebildet werden – neben Strom etwa auch für Erdgas oder CO2-Zertifikate.
Wo lassen sich aktuelle Terminkurven für den deutschen Strommarkt einsehen?
Die EEX veröffentlicht Handelsdaten zu ihren Terminprodukten; viele Energieversorger und Marktdatendienste bilden daraus die aktuelle Terminkurve ab.
Ändert sich die Kurvenform häufig?
Ja. Sie reagiert auf Speicherstände, Wetterprognosen, CO2-Preiserwartungen und geopolitische Entwicklungen und kann sich innerhalb weniger Wochen von Contango zu Backwardation wandeln oder umgekehrt.
