Energie-Glossar · O
Open Position
Eine Open Position (offene Position) ist der Teil eines Energieportfolios, der noch nicht durch Terminkontrakte oder andere Instrumente abgesichert ist. Sie repräsentiert das verbleibende Preisrisiko: Je größer die offene Position, desto stärker wirken Marktpreisänderungen.
Die wichtigsten Informationen zu Open Position
- Offene Position = erwarteter Bedarf minus bereits eingedeckte Menge
- Entsteht bewusst durch Beschaffungsentscheidungen oder unbeabsichtigt durch Prognosefehler
- Wird mit Kennzahlen und Risikomodellen wie dem Value-at-Risk quantifiziert
- Tranchenmodelle schließen die Position schrittweise und glätten das Preisrisiko
- Die Preiskrise 2021/2022 zeigte: Unkontrollierte offene Positionen können bis zur Insolvenz führen
Wie entsteht eine offene Position?
Eine offene Position entsteht immer dann, wenn erwarteter Verbrauch oder erwartete Erzeugung nicht vollständig durch Verträge abgesichert sind. Das kann eine bewusste Entscheidung sein – etwa das Abwarten günstigerer Terminmarktpreise oder das gezielte Offenhalten eines Anteils für den Spotmarkt – oder unbeabsichtigt geschehen, wenn Verbrauchs- oder Erzeugungsprognosen von der Realität abweichen.
Ein Rechenbeispiel macht das Prinzip greifbar: Wer für einen Kunden mit 100 GWh erwartetem Jahresverbrauch erst 70 GWh am Terminmarkt eingedeckt hat, hält eine offene Position von 30 GWh. Steigt der Marktpreis um 10 €/MWh, verteuert sich die Restbeschaffung um 300.000 Euro – fällt er, entsteht ein entsprechender Vorteil. Die offene Position ist damit nichts anderes als der Hebel, über den Marktbewegungen auf die Beschaffungskosten durchschlagen.
Wie wird eine offene Position gemessen und gesteuert?
Professionelles Portfoliomanagement quantifiziert offene Positionen laufend mit Kennzahlen und Risikomodellen. Das verbreitetste Maß ist der Value-at-Risk: Er beziffert, welcher Verlust aus der offenen Position mit einer definierten Wahrscheinlichkeit innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht überschritten wird. Ergänzend werden Mengengerüste je Lieferjahr, -quartal und -monat geführt, um zu sehen, wo im Zeitverlauf die größten ungesicherten Mengen liegen. Üblich ist zudem eine Trennung nach Commodities und Lieferjahren: Strom- und Gasportfolios werden getrennt geführt, und weiter entfernte Lieferjahre dürfen größere offene Anteile aufweisen, weil noch Zeit zum Schließen bleibt.
Das Risikomanagement definiert auf dieser Basis Limite: Überschreitet die offene Position oder ihr Risikowert eine festgelegte Schwelle, muss nachbeschafft oder verkauft werden – unabhängig von der aktuellen Markteinschätzung. Diese Disziplin ist der Kern des Ansatzes: Limits ersetzen Spekulation durch Regeln und verhindern, dass eine Marktmeinung das gesamte Portfolio gefährdet.
Was bedeutet das für die Energiebeschaffung von Unternehmen?
Für Unternehmen mit strukturierter Beschaffung ist das Management offener Positionen der Kern der Einkaufsstrategie. Tranchenmodelle schließen die Position schrittweise über mehrere Kaufzeitpunkte: Statt die gesamte Jahresmenge an einem Tag zu fixieren, werden beispielsweise Teilmengen über zwölf oder vierundzwanzig Monate verteilt eingekauft. So wird der Einstandspreis geglättet und das Risiko vermieden, zufällig den teuersten Zeitpunkt zu erwischen.
Festpreisverträge schließen die Position dagegen sofort vollständig – der Lieferant übernimmt das Marktrisiko und preist es ein. Restmengen, die sich aus Prognoseabweichungen ergeben, werden kurz vor und während der Lieferung am Spot- und Intraday-Markt ausgeglichen. Welche Mischung sinnvoll ist, hängt von Risikotragfähigkeit, Verbrauchsvolumen und interner Kompetenz ab: Je größer das Volumen, desto eher lohnt sich aktives Positionsmanagement mit eigenen Limiten.
Welche Lehren zieht der Markt aus der Preiskrise 2021/2022?
Die Preiskrise 2021/2022 hat drastisch gezeigt, was unkontrollierte offene Positionen anrichten können. Versorger, die auf fallende Preise spekuliert oder ihre Kundenverträge zu spät eingedeckt hatten, mussten zu Höchstpreisen nachkaufen – einige gerieten in die Insolvenz, ihre Kunden fielen in die teure Ersatzversorgung. Die Krise traf dabei nicht nur Spekulanten, sondern auch Anbieter, deren Geschäftsmodell strukturell auf kurzfristige Beschaffung setzte.
Die Konsequenz für die Praxis: Klare Limits, regelmäßiges Reporting und disziplinierte Eindeckung sind wichtiger als jede Marktmeinung. Wer Energie einkauft, sollte von seinem Lieferanten oder Dienstleister transparent erfahren können, wie groß die offene Position im eigenen Portfolio ist und nach welchen Regeln sie geschlossen wird – das ist eine der wichtigsten Fragen bei der Auswahl eines Beschaffungspartners.
Häufige Fragen zu Open Position
Ist eine offene Position grundsätzlich schlecht?
Nein. Eine offene Position ist zunächst nur ungesichertes Preisrisiko – sie kann auch Chancen bieten, wenn die Preise fallen. Problematisch wird sie erst, wenn sie unkontrolliert ist: ohne Limite, ohne Monitoring und ohne Regeln, wann geschlossen werden muss.
Wie erfahre ich als Kunde, wie groß meine offene Position ist?
Bei strukturierter Beschaffung sollte Ihr Lieferant oder Portfoliomanager regelmäßig einen Deckungsbericht liefern: eingedeckte Mengen je Tranche, offene Restmenge und aktueller Marktwert. Bei Festpreisverträgen existiert für Sie keine offene Position – das Risiko liegt beim Lieferanten und ist im Preis enthalten.
Was ist der Unterschied zwischen offener Position und Fahrplanabweichung?
Die offene Position beschreibt das mittelfristige Preisrisiko ungesicherter Mengen vor der Lieferung. Fahrplanabweichungen entstehen dagegen in der Lieferung selbst, wenn der tatsächliche Verbrauch vom angemeldeten Fahrplan abweicht – sie werden über Ausgleichsenergie im Bilanzkreis abgerechnet.
Wie schließt man eine offene Position kurz vor Lieferbeginn?
Restmengen werden am Spotmarkt (Day-Ahead, inzwischen in Viertelstundenprodukten) und am Intraday-Markt beschafft oder verkauft. Je näher der Liefertermin rückt, desto genauer ist die Verbrauchsprognose – die verbleibende Unsicherheit gleicht der Bilanzkreisverantwortliche über kurzfristigen Handel aus.